Freitag | 08. September 2017

Facebook & Co. zeigen: Wir müssen hinhören und Brücken bauen


Die Wirkung von Facebook & Co. auf die politische Meinungsbildung ist beträchtlich und die Art wie dort diskutiert wird, macht Brüche in unserer Gesellschaft sichtbar. Kolumnistin Marlis Prinzing, Journalismus-Professorin an der Hochschule Macromedia in Köln, sieht zwei Wege, um diese zu heilen: Andere Ansichten aushalten und hinhören. Und sie zeigt in ihrer Kolumne für den österreichischen „Standard“ neue Beispiele aus dem Journalismus, die illustrieren, wie das funktionieren kann.


Ausgangspunkt ist eine Studie: Das Team um die Mainzer Publizistikprofessorin Birgit Stark wollte herausfinden, wie politische Meinung durch Informationsvermittler (Intermediäre) geprägt wird und verglich dazu klassische Nachrichtenquellen mit Social Media wie Facebook & Co. Die Forscher befragten deutsche Nutzer online, zeichneten deren Internetnutzung auf und diskutierten mit einigen. Ihre unter dem Titel „Ganz meine Meinung? Informationsintermediäre und Meinungsbildung“ veröffentlichte Arbeit zeigt: Wer sich in Diskussionen auf Facebook in seiner Meinung bestätigt fühlt, der postet mit, wer nicht, schweigt eher; man kann gut anderen Ansichten ausweichen und dass Debatten rasch polarisiert und emotional geführt werden, verzerrt das Bild vom tatsächlich in der Gesellschaft bestehenden Meinungsklima und bereitet jenen ein leichtes Spiel, die mit Lügen und Desinformation Menschen gegeneinander aufhetzen und Unruhe stiften wollen.

Journalisten können solche Effekte noch verstärken, indem sie selber die in sozialen Medien laufenden Diskussionen überbetonen und hitzige Debatten damit noch weiter anheizen. Oder sie können das Problem an der Wurzel packen. Denn letzten Endes zeigt die Art, wie auf Facebook & Co. diskutiert wird, dass es tiefe Brüche in unserer Gesellschaft gibt – und nur einen wirklichen Weg, um sie zu heilen: systematisch Menschen wieder miteinander ins Gespräch bringen und hinhören. Gerade, wenn man nicht derselben Ansicht ist. Klingt einfach und scheint schwierig. Ein Beispiel: „Zeit Online“ baute in ihrem neuen „Sonderressort“ #D17Deutschland spricht“, eine „Dating-Plattform für den politischen Streit“. Nach einem Aufruf der „Zeit Online“-Redaktion trafen sich an einem Sonntag im Juni 1200 Personen mit gegensätzlichen Überzeugung zu aktuellen Themen – wie der Aufnahme von Flüchtlingen, der Ehe von Homosexuellen oder dem Ausstieg aus der Atomenergie – paarweise zum politischen Streit.

Weiterführende Literatur:

- Danah Boyd (2017): Google and Facebook can’t just make fake news disappear. Wired, 2017-03-27
- Carolin Jack (2017): Lexicon of Lies: Terms for problematic information.
- Henry Jenkins, Mizuko Ito, Danah Boyd (2015): Participatory Culture in a Networked Era: A Conversation on Youth, Learning, Commerce, and Politics. Wiley.
- Birgit Stark, Melanie Magin, Pascal Jürgens. LfM, 2017. 260 S. ISBN 978-3-940929-44-0. (LfM Dokumentation, Band 55): Ganz meine Meinung? Informationsintermediäre und Meinungsbildung – Eine Mehrmethodenstudie am Beispiel von Facebook.

Verwandte Studiengänge und Fachrichtungen:

- Journalistik, B.A.
- Medien- und Kommunikationsmanagement, B.A.
- Entertainmentmanagement, B.A.

- Medien- und Kommunikationsmanagement, M.A.
- Unternehmenskommunikation, M.A.

(YBH)


Prof. Dr. Marlis Prinzing unterrichtet unter anderem die Kurse Medienethik sowie Innovation und Nachhaltigkeit im Journalismus am Macromedia Campus Köln.

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