Nina Haun über „Casting als Kunst“
„Ans Ensemble denken“ lautete der Titel des 14. Praxisgesprächs an der MHMK. Und wer hätte „Casting als Kunst“ besser beleuchten können, als Deutschlands bekannteste Casting-Direktorin Nina Haun?
„Wir telefonieren fast rund um die Uhr“, beschrieb Nina Haun ihre Arbeit. Und am Wochenende sind meist Castings. Haun besetzt preisgekrönte Spiel- und Kinofilme wie „Sommer 04“ von Stefan Krohmer oder „Dresden“ von Roland Suso Richter und findet neue Talente wie Hannah Herzsprung für „Vier Minuten“.
Bei intensiven Zweiergeschichten wie diesen müsse vor allem die Chemie zwischen den Schauspielern stimmen. Das sei der Kern, der sich meist erst im Casting zeige. Doch den Weg zum Vorspielen bestimmen andere Faktoren: Soll es populär sein? Ist es Arthouse? Wer arbeitet gut mit wem? Wer ist verfügbar? Was will der Regisseur? Was der Produzent? Sie schlage solange Schauspieler vor, bis alle zufrieden sind.
Daher sei Casting vor allem Dienstleistung. Um in Kontakt zu bleiben, Entwicklungen zu verfolgen und neue Talente zu finden, geht sie viel aus, ins Theater, ins Kino, auf Filmfestivals. Oder greift in ihr Archiv mit über 17.000 DVDs. Oder trifft Schauspieler ohne konkretes Projekt auf einen Kaffee, wie auch Hannah Herzsprung. Hier liegt der kreative Part des Jobs. Wie sie da saß, dachte Haun plötzlich an „Vier Minuten“. Könnte sie…? Ist sie vielleicht…? Herzsprung hatte zwar wegen ihres Klavierkönnens geflunkert, bekam die Rolle dann aber doch und spielte mit ihrem Team die Goldene Lola 2007 ein.
Natürlich habe die Auswahl der Schauspieler enormen Einfluss auf das Ergebnis. Ein gutes Casting könne einen Film retten, aber schlechte Auswahl auch ein gutes Drehbuch zerstören. „Dieser künstlerische Anteil ist jedoch nicht allen klar. Es gibt Filmfestivals, die im Programm die Caterer nennen, aber nicht das Casting!“ Deshalb arbeite sie daran, ihrem Beruf den Respekt zu verschaffen, den er verdient.
Bisher gibt es keine klassische Ausbildung für Casting. Haun selbst kommt von der Bühne, gründete und führte zwei freie Kleintheater und war an der Filmakademie Baden-Württemberg für die Abteilungen Filmschauspiel und Szenenbild zuständig und leitete das akademieinterne Castingbüro. Zu dieser Zeit war Prof. Dr. Arthur Hofer, heute Professor für Medienmanagement an der MHMK, dort als Künstlerischer Direktor tätig.
Die Praxisgespräche sind eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, die seit 2004 in Kooperation mit der Adolf-Grimme-Akademie stattfindet. Beim Praxisgespräch verraten Grimme-Preisträger und Nominierte, wie man erfolgreiches Qualitätsfernsehen macht.



